Marathons


MÜNCHEN 2012.
"Ich will doch nur spielen!"

Auf einmal war er da, dieser verrückte Gedanke: Ich werde den München Marathon laufen! Das war am Donnerstag. Am Freitag habe ich mir ein warmes Lauf-Oberteil gekauft, am Samstag meine Anmeldung abgegeben und am Sonntag stand ich an der Startlinie.

Ziemlich fehl am Platz kam ich mir vor zwischen all diesen Profi-Läufern in ihren Spandex-Hosen, mit umgeschnallten Trinkbatterien, aufgeladenen Gel-Tanks und geölten Oberschenkeln. Damals wusste ich noch nichts von Trainingsplänen, Lauf-Strategien oder Energy-Gels. 

Ich bin einfach losgelaufen. In meinen ausgelatschten Turnschuhen, meinen alten Schlabberhosen, mit umgebundener Jacke und vier Kräuterbonbons in der Hosentasche. Die hab ich beim Laufen gelutscht, jede Stunde eins. Getrunken habe ich bis Kilometer 21,1 gar nichts, dann nur etwas Wasser. Ich habe die Stimmung aufgesogen und mich gefreut, dass ich laufen darf. Und da ich nichts vom Mann mit dem Hammer wusste, hab ich ihn nicht getroffen. Und er mich auch nicht.

Mit dem breitesten Grinsen im Gesicht bin ich nach 3:55h über die Ziellinie getänzelt, ganz spielerisch. Ich konnte es kaum glauben: Ich war ein Marathoni! Drei Monate zuvor hatte ich behauptet, ich würde nie einen Marathon laufen. Seltsam, wie das Leben manchmal so spielt. Ein schönes Spiel. Ab sofort wollte ich es öfter spielen.

WIEN 2013.
"Burn, Motherf***, burn!"

Auch mein zweiter Marathon begann mit einem Spiel. Einem Gewinnspiel. So hatte ich den Startplatz für den Wien Marathon im April 2013 gewonnen. Fürs Trainieren blieb kaum Zeit und da ich ein Winter-Lauf-Muffel bin, stand ich in Wien am Start, ohne einen einzigen Draußen-Lauf-Kilometer absolviert zu haben. Lediglich ein wenig Laufband-Training hatte ich in den Beinen.

Eine Tatsache, die ich ab Kilometer 28 zutiefst bereuen sollte. Ab da haben meine Oberschenkel gebrannt,  als stünden sie in Flammen. Der Gegenwind in den langgezogenen Wiener Straßen heizte das Feuer zusätzlich an.

Zum Glück wurde auch mein Ehrgeiz entfacht und ich entdeckte etwas, das mich seitdem bei vielen Läufen begleitet hat: meine innere Wettkampfsau. Die ehrgeizige Schwester des inneren Schweinehunds trieb mich an, bis ich nach 4:01h im Ziel war. Immerhin. Sie sorgte jedoch auch dafür, dass ich mit dieser Zeit nicht zufrieden war. Beim nächsten Marathon wollte ich schneller laufen. Ich hatte Ehrgeiz-Blut geleckt.

MÜNCHEN 2013.
"Wettkampfsau on Fire."

Dass ich ein zweites Mal beim München Marathon an den Start ging, war - wieder einmal - nicht geplant. Ein Lauf-Kollege hatte mich gefragt, ob wir den Halbmarathon zusammen laufen. Das war - wieder einmal - am Donnerstag vor dem Lauf.

Als Vorbereitung für den New York City Marathon, der drei Wochen später stattfinden sollte, hielt ich das für keine schlechte Idee. Doof nur, dass die Plätze bereits vergeben waren. Damit zog sich mein Lauf-Kollege aus dem Projekt zurück und ich meldete mich kurzerhand für den Marathon an. Ich und meine Wettkampfsau witterten die Chance, in diesem Jahr noch meine Zeit zu verbessern.

Wieder einmal war es ein wunderschöner Herbsttag und es lief einfach fantastisch. Ohne einmal auf die Uhr zu schauen - ich hatte gar keine dabei - lief ich nach Bauchgefühl in 3:44:02h über die Ziellinie. Ich und meine Wettkampfsau waren zufrieden. Nun konnte der New York Marathon kommen!
NEW YORK 2013.
"Run and the City."

Einmal beim New York City Marathon starten - der Traum eines jeden Läufers. Für mich sollte er am 3. November 2013 in Erfüllung gehen. Bis dahin war es ein weiter Weg - ein Ultra-Bewerbungs-Marathon sozusagen. Long Story short: ich hab gebastelt, gefilmt, fotografiert, gepostet, geschrieben, Freunde aktiviert, Absagen kassiert, weitergemacht, noch mehr gebastelt, noch mehr Freunde aktiviert - und schließlich war der 7. August, der Tag der Auslosung.

Im Schlafanzug saß ich mit dem Labtop auf dem Schoß auf meiner Couch und hatte bereits wunde Finger vom "Aktualisieren"-Drücken. Vier Plätze waren zu vergeben. Plätze 1 und 2 waren bereits verlost. Und dann plötzlich, um 21:41 Uhr, erschien mein Bild auf der Seite. Ich konnte es nicht glauben: ich hatte gewonnen! Ein Startplatz für den New York Marathon plus fünf Tage New York, Hotel am Times Square und Flug - das Ganze mit Begleitung. BÄÄM!!!

Das Lauf-Abenteuer konnte also beginnen: 50.000 Starter, vielfach so viele Zuschauer, eine große Lauf-Party von Anfang bis Ende - und das in einer der geilsten Städte der Welt. Ich war so überwältigt von all den Eindrücken, dass ich es kaum verarbeiten konnte. Ich weiß noch, dass ich Muskelkater in den Backen hatte vor lauter Grinsen. Die Oberschenkel brannten auch wieder ordentlich, denn die Strecke mit den vielen Brücken und den letzten harten Anstiegen im Central Park hat es in sich.

Dafür war der Zieleinlauf nach 3:55h umso ergreifender und die Tage im Big Apple mit dem Tiger Balm Team Dietmar, Stephan, Sven, Selma und Kai-Michael einfach unvergesslich. "If I can make it there, I'll make it anywhere" - ab sofort mein Leitspruch.
PARIS 2014.
"Enttäuschung und Tränen."

Es musste kommen, wie es kommen musste: ich wurde übermütig. Wenn ich meine Zeit ohne viel Training von 4 Stunden auf 3:44h verbessern konnte, dann sollte es ein Leichtes sein, die nächste Hürde zu knacken: die 3:30h. Was für eine Fehleinschätzung! Heute, als erfahrenere Marathon-Läuferin, weiß ich das. Aber damals, als noch bei jedem Lauf Rekorde fielen, hielt ich mich für unverwundbar und das Ziel für absolut realistisch.

Ich begann also zu trainieren wie eine Irre - ohne Kopf und Verstand. Und vor allem ohne Plan. 21, 25, 30 Kilometer auf dem Laufband - teilweise an zwei Tagen hintereinander - waren keine Seltenheit und auch kein Problem. Das Problem kam erst am Marathon-Tag. Ich lief mit einem 5er-Schnitt los, den 3:30h-Pace-Maker immer im Blick, genau wie meine Uhr, auf die ich alle paar Minuten starrte. Das Tempo war mir von Beginn an zu schnell, mein Kopf zu heiß und der Puls zu hoch. Aber egal, ich hatte ja ein Ziel vor Augen. Also immer weiter im Takt.

Bei Kilometer 21 kam der Takt dann ins Stocken. Die Luft war raus und ich den Tränen nahe. Ich musste das erste Mal gehen. Mit jedem Geh-Schritt und mit jedem Läufer, der an mir vorbeizog, zerfiel mein Traum von der neuen Bestzeit in Tausend schmerzende Stücke. Bei Kilometer 30 fiel ich meiner Mom in die Arme. Ich konnte nicht mehr. "Willst du aufhören, Ela-Maus?" fragte sich mich. "Nein!", meine Antwort.

Ich lief weiter - meine strampelnde und jammernde Wettkampfsau hinter mir herschleifend. Etliche Gehpausen und 42,2km später trottete ich dann endlich ins Ziel. Weinend und enttäuscht. Ein Asthmaanfall beendete diesen für mich sehr schmerzvollen, aber auch lehrreichen Marathon. Nie wieder, das schwor ich mir, wollte ich mich so unter Druck setzen und meinen Ehrgeiz vor den Spaß am Laufen stellen. Nie wieder wollte ich beim Zieleinlauf weinen - außer vor Glück. Ein Vorsatz, an den ich mich bis zum heutigen Tag gehalten habe.
BERLIN 2014.
"Laufen ohne Druck, aber mit Knie."

Das kopflose Training sollte noch ein langes Nachspiel haben. Mein linkes Knie meldete sich immer häufiger und plötzlich war er da, der Schmerz links außen. Als hätte mir jemand ein Messer ins Knie gerammt. Mein Verdacht bestätigte sich schnell: IT-Band-Syndrom. Meine erste Laufverletzung. Willkommen in der Realität, Frau Dannwolf! Und in der Midlife-Crisis. Keine Übertreibung. Das "Nicht-laufen-Können", das Gefühl, dass der Körper nicht mehr das macht, was ich will, machte mich fertig. Das Laufen fehlte mir so sehr. Aber es half alles nichts. Keine Trainingskilometer in dieser Saison. Wie ein Drogensüchtiger auf Entzug tröstete ich mich mit ein paar kleinen Wettbewerben - kurze Läufe gingen einigermaßen.  

Und dann, so etwa im August,  hat das Schicksal wieder zugeschlagen: Ich gewann einen Startplatz für den Berlin-Marathon. Nun ja, was soll ich sagen? Natürlich bin ich an den Start gegangen. Ich wollte es ausprobieren und schauen, wie weit ich komme.

Das Wetter war perfekt, genau wie meine Laune und die Stimmung an der Strecke. Ich war so dankbar für jeden Meter, den mein Knie mich laufen ließ. Und da ich in einer langsameren Startgruppe startete - das Anstehen an der Toilette hatte zu lange gedauert - konnte ich die ganze Strecke überholen. Ein Traum für die Psyche. Es stimmte also alles an diesem 28. September 2014. Und so lief Dennis Kimetto Weltrekord in 2:02:57h und ich finishte in 3:44:32h - vermutlich waren wir beide gleich stolz auf unsere Leistung. Danach konnte ich keinen Schritt mehr gehen, aber egal: ich hatte es geschafft! Wahnsinn! Im Ziel weinte ich wieder - dieses Mal vor Glück.


MALLORCA 2014.
"Hitzeschlacht auf der Insel."


Rückblickend betrachtet war es ein totaler Irrsinn, aber das Laufjahr 2014 war für mich noch nicht zu Ende. Denn die Anmeldung für den Mallorca Marathon war schon lange abgeschickt und die Reise auf die Insel gebucht. Also versuchte ich die drei Wochen, die zwischen dem Berlin und dem Mallorca Marathon lagen, bestmöglich zur Regeneration zu nutzen.

Nur einen Lauf absolvierte ich in dieser Zeit, doch bei diesem kam es ganz dick: Mitten im Wald stach es mir so ins Knie, dass ich nicht mehr weiterlaufen konnte. Selbst gehen war eine Herausforderung. Zum Glück war ich nicht alleine, sodass ich mit dem Auto abgeholt werden konnte. Wieder Tränen. Dieses Jahr war einfach nicht mein Jahr - aber die Probleme waren selbstgemacht. Lauf-Pausen waren halt nicht so mein Ding und die innere Wettkampfsau wollte gefüttert werden.

Also ging ich am 19. Oktober bei meinem mittlerweile 7. Marathon an den Start. Bei wolkenlosem Himmel und angesagten 30 Grad brannte die Sonne bereits morgens um 9 Uhr erbarmungslos vom Himmel. Dank meines Laufpartners Stephan, der mich in unter 3:40h ins Ziel führen sollte, lief es zunächst blendend. Bis Kilometer 32. Da kam der Mann mit dem Feuerhammer und briet mir dermaßen eins über die Rübe, dass ich dachte, mein Schädel explodiert. 

Die letzten Kilometer entlang der Küste zogen sich ins Endlose. Ich konnte gar nicht so viel trinken, wie ich Durst hatte. Und die Hitze, die von den schwarzen Holzpanelen nach oben strahlte, schien mich verbrennen zu wollen. Völlig am Ende meiner Kräfte und mit keinem einzigen Körnchen mehr im Körper, überquerte ich die Ziellinie. Das Gemeinste dabei war der letzte Kilometer, bei dem man am Ziel vorbei nochmal eine lange Runde drehen musste. Noch nie hatte ich mir so sehr gewünscht, eine Abkürzung nehmen zu können.

Doch wie so oft: Im Ziel waren alle Schmerzen vergessen und ich freute mich ohne Ende. Zwar hatte ich die 3:40h nicht geknackt, jedoch war ich mit 3:42:52h nicht nur persönliche Bestzeit gelaufen, sondern hatte auch Platz 19 bei den Frauen belegt. Die restlichen Sonnentage auf Malle konnten ich und meine 
Wettkampfsau also in vollen Zügen genießen.


MÜNCHEN 2015.
"Wenn 9 Sekunden die Welt bedeuten."


Für 2015 hatte ich mir eins fest vorgenommen: Achtsamer mit meinem Körper umzugehen. Konkret bedeutete dies: Laufpause bis Mitte März, kein Frühjahrs-Marathon und ein sauberer Trainingsplan, um auf die 3:30h hinzutrainieren. Bis zum Start des Trainingsplans konzentrierte ich mich auf kurze Läufe und konnte mir einige Podestplätze bei kleineren Wettkämpfen erlaufen sowie meine Bestzeiten auf 10km (42:18) und 5km (20:59) verbessern. Das tat gut und belastete das Knie nicht so sehr.

Mitte Juli ging's dann los. Ich hielt mich sehr genau an den Plan, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich mein Knie wieder meldete. Also reduzierte ich von fünf Mal Laufen die Woche auf vier Mal und schließlich auf drei Mal. Die restlichen Trainingstage verbrachte ich auf dem Spinningrad, dem Crosstrainer oder beim Krafttraining. Am 11. Oktober war es dann soweit.  Das Wetter war durchwachsen, aber zumindest regnete es nicht. Ich startete etwas langsamer und zog dann das Tempo auf 12km/h an.

Mir ging es gut, die Beine liefen locker und ab dem Halbmarathon hatte ich einen netten Mit-Läufer, mit dem ich plaudern konnte. Hart waren lediglich die letzten drei Kilometer. Da war er mir auf einmal auf den Fersen, der Mann mit dem Hammer. Ich rannte gegen die aufsteigende Müdigkeit und die Uhr an, die immer schneller die Minuten runterzählte, je langsamer meine Beine wurden.

Inzwischen war es mir egal, wann ich ankam - ich wollte nur noch ankommen. Und dann, nach sich ins Endlose ziehenden Minuten, kam endlich der Zieleinlauf ins Stadion. Auf der letzten Runde, begleitet von den Schreien und dem Applaus der Zuschauer, lief ich, als ginge es um mein Leben. Mir war heiß und kalt gleichzeitig, aber ich ließ nicht locker. Und kam schließlich ins Ziel - in 3:29:51h. Noch nie in meinem Leben hatten 9 Sekunden so eine große Bedeutung für mich.
LAS VEGAS 2015.
"Run & Rain in the Desert."

Der Marathon in Las Vegas am 15. November sollte meine Belohnung für all die harten Trainingswochen sein. Ein Marathon nur zum Spaß und ohne Zeitdruck. Einfach laufen und die Glitzerstadt genießen. Dabei hatte ich mir angenehme Temperaturen um die 20 Grad vorgestellt. Die Realität sah anders aus: Sturmwarnung und Regen. Trotzdem hatte ich den Spaß meines Lebens.

Beim Start hatten wir noch Glück mit dem Wetter. Etwas kühl und windig war's, dabei aber fast wolkenlos. So starteten wir in einen traumhaften Sonnenuntergang. Und als sich dann allmählich die Nacht über Sin City legte, begann sie zu glitzern wie ein buntes Sternen-Meer. Die Szenerie war atemberaubend, die Kostüme der Läufer so verrückt wie die Stadt selbst und das Publikum einfach fantastisch.

Dann kam der Regen. Von durchschnittlich drei Regentagen im November hatten wir den einen erwischt. Dazu ein Sturm, dass es mich fast davonwehte. Dennoch war ich bester Laune und dank des harten Trainings in den Wochen zuvor auch läuferisch stark. Also zog ich meine Mütze noch ein wenig tiefer ins Gesicht, stemmte mich gegen den Wind und lief heroisch weiter. Zum Glück hatte ich einen Trinkrucksack dabei, denn die Verpflegungsstationen waren teilweise, wie einige Läufer, dem Sturm zum Opfer gefallen.

Was für ein Abenteuer. Und was für ein Gefühl, von den dunklen und leeren Außenbezirken wieder zurück auf den hell erleuchteten und überfüllten Strip zu kommen. Was eine Party! Beim Zieleinlauf klatschte ich Hände ab, tänzelte von links nach rechts und hielt dann nach 3:47:03h meine bisher geilste Finisher-Medaille in den Händen: Ein Spielautomat in Hosentaschen-Format. Ich fühlte mich, als hätte ich soeben den Jackpot geknackt.
BERLIN 2016.
"Persönliche Pace-Makerin."

Am 25. September konnte ich eine Lauf-Premiere feiern: Ich lief als Pace-Makerin beim Berlin Marathon. Zwar nicht als offizielle, aber zumindest war ich für eine Läuferin verantwortlich, die ich in ins Ziel bringen sollte: Maria, deren Marathon-Premiere es war.

Eine Woche zuvor war ich vom Jakobsweg zurückgekehrt. Dort war ich zwar über 800km gewandert, aber keinen einzigen Kilometer gelaufen. Und leider hatte sich von der täglichen Wanderei mein Knie wieder entzündet. Es waren also nicht gerade die besten Voraussetzungen.

Aber als wir an diesem wunderschönen Septembermorgen losliefen, ich die Stimmung aufsaugte und das strahlende Lächeln von Maria neben mir sah, liefen die Beine auf einmal wie von selbst. Bis Kilometer 28 waren wir sogar auf unter-4-Stunden-Kurs, dann mussten wir etwas langsamer machen. Es war wirklich anstrengend, sich komplett an das Tempo einer anderen Person anzupassen. Aber Maria und ich haben beide unsere Premiere erfolgreich gemeistert und konnten nach 4:10:35 Hand in Hand und überglücklich ins Ziel laufen.
NEW YORK 2016.
"Der beste Zieleinlauf meines Lebens."

All meine Marathons waren auf ihre Weise fantastisch. Aber mein zweiter New York Marathon hat alles Bisherige übertroffen. Das Wetter am 6. November 2016 war mit 18 Grad perfekt, die Stimmung an der Strecke unbeschreiblich. Beim zweiten Mal konnte ich sie sogar noch mehr genießen. Und da mir die Strecke vertraut war, konnte ich meine Kraft sehr gut einteilen.

Bis Kilometer 30 lief ich mit einem Freund, dessen erster Marathon es war, mit dem Ziel "Sub 4h". Dann musste er das Tempo rausnehmen und ich startete durch. Ich weiß nicht, woher  meine Stärke auf den letzten 12 Kilometern kam. Ich hatte ja nicht sonderlich viel trainiert. Um ehrlich zu sein fast gar nicht. Aber auf einmal zündete mein inneres Laufbiest eine Rakete, die mich die letzten 12 Kilometer nur so dahinfliegen ließ.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl, so durch die Straßen von New York zu sausen. Verrückt, zu was der Körper an manchen Tagen imstande ist. Ich glaube, man nennt das Runner's High. So flog ich durch die Bronx und zurück nach Manhatten, bis ich schließlich nach 3:39:55h im Central Park über die Zielline lief. Ich war im Marathon-Himmel angekommen und schwebe immer noch auf Wolke sieben. Da es schön ist hier oben, bleibe ich noch ein bisschen und träume von meinem nächsten Lauf-Ausflug. Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht.
BOSTON 2017.
"Hitze, Heartbreak-Hill & Eis am Stiel"

Meine Reise führte mich etwa 200 Meilen weiter. Nach Boston, zum ältesten und traditionsreichsten Marathon der Welt. Und dem einzigen Marathon weltweit, für den man sich qualifizieren muss. Zwei Jahre Vorbereitungszeit hatte es gebraucht, bis ich endlich die für meine Altersgruppe geforderte Marathon-Zeit gelaufen war. Inzwischen hatte ich die Altersklasse gewechselt, was mir ein 10-Minuten-Zeit-Polster verschaffte. Als ich mich im September per Handy mitten auf dem Jakobsweg für den Boston Marathon anmeldete, war ich trotzdem ganz schön aufgeregt. 3 Tage später, an meinem 37. Geburtstag, erhielt ich endlich die erlösende Nachricht: "You are in!" Was ein geiles Geschenk.

Mit der Zusage kam auch die Aufregung. Denn eigentlich wollte ich keinen Frühjahrsmarathon mehr laufen. Die letzten Jahre hatten gezeigt, dass es meinem Körper besser geht, wenn er im Winter eine Laufpause bekommt. Mit dem Boston Marathon im April fiel diese Pause aus. 8 Wochen nach dem New York Marathon ging es also schon wieder los mit dem Training. Ich hatte mir einen Trainingsplan von running.COACH (https://runningcoach.me) geholt und wollte nochmal die 3:30h in Angriff nehmen. Da der Winter hart war und ich einfach kein Winterläufer bin - ehrlich: ich hasse es zu laufen, wenn es kalt ist und ich mehr als zwei Lagen Laufklamotten brauche - schrubbte ich etliche Kilometer auf dem Laufband. Und dann passierte es: das vom Jakobsweg immer noch angeschlagene Knie, das inzwischen zwei Marathons mit mir gelaufen war, begab sich in den Entzündungs-Streik. Vorbei war es mit dem Marathon-Training, noch bevor es richtig angefangen hatte.

Nun ja, dachte ich mir, wieder mal ein Marathon ohne Vorbereitung - scheint ein Muster bei mir zu sein. Also machte ich die nächsten drei Monate lauftechnisch nicht viel, tobte mich dafür im Gym und auf dem Fahrrad aus. Tag X kam näher, mein Knie wurde nicht wirklich besser. Hinzu kam noch ein entzündetes Schienbein. Zum Glück hab ich einen sehr, sehr guten Physio, der mich vor dem Marathon wieder so weit hinbekam, dass ich mich an den Start wagen konnte. Aber ich war alles andere als selbstbewusst. Ich hatte richtig Angst. Das erste Mal in meiner Lauf-Karriere war ich mir nicht sicher, ob ich den Marathon finishen würde.

Mit diesem mulmigen Gefühl fuhr ich gemeinsam mit ca. 30.000 Läufern in hunderten knallgelben Schulbussen an den Start des wohl prestigeträchtigsten Marathons der Welt. Alles war perfekt organisiert. Alles klappte problemlos. Dennoch war meine Aufregung so groß, dass ich völlig neben mir stand. Während ich im Startbereich auf den Start der 3. Wave wartete, wurde es immer wärmer. Bald knallte die Sonne unerbittlich vom wolkenlosen Himmel und das Thermometer kletterte auf knapp 30 Grad.

Dann der Startschuss. Ich stand ganz vorne und bekam die Start-Zeremonie hautnah mit. Die Masse setzte sich in Bewegung. Viel zu schnell für mich, aber ich ließ mich mitziehen. Schließlich ging es die ersten Kilometer nur bergab und da konnte man es ordentlich laufen lassen. Nach 10 Kilometern bereute ich die harte Pace bereits und mein Knie begann zu pochen. Nach 20 Kilometern war mir so heiß, dass ich alle unnötigen Klamotten von mir warf, und mein Magen von den vielen Mineraldrinks zu krampfen begann. Nach ca. 30 Kilometern kam der Heartbreak Hill, der mir den Rest gab. Noch nie war mein Drang mit dem Laufen aufzuhören stärker. Jedes Erste-Hilfe-Zelt, an dem ich vorbeitrabte, schien mich verlockend auf seine Liege zu rufen.

Und dann stand es plötzlich da: das kleine Mädchen mit dem Eis am Stil. Wie eine Verdurstende in der Wüste griff ich nach dem kalten Wassereis. Ich biss ab und ein herrlicher Cola-Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Die Kälte tat so unendlich gut und der Zucker schien direkt in meine müden Muskeln zu schießen. So seltsam das klingen mag: Das Eis war meine Rettung. Danach lief es wieder. Schon verrückt, was auf 42,2 Kilometern alles passieren kann. Und wie Kleinigkeiten zur wichtigsten Sache der Welt werden können.

Ich finishte in 3:45:05h. Es sollte einige Zeit dauern, bis ich realisierte, dass ich es geschafft hatte. Und ich habe die drei Wochen Urlaub - auch vom Laufen - dringend gebraucht, um mich wieder zu rehabilitieren. Aber wie heißt es so schön? Der Schmerz geht - der Stolz bleibt. Und die Erinnerung an das beste Wassereis meines Lebens ebenso.
BERLIN 2017.
"Lauf-Liebe pur."

Sechs Wochen vor dem Berlin-Marathon passierte etwas Wunderbares. Der Reiseanbieter Hip Trips (www.hip-trips.com) schenkte mir 24 Startplätze für den Berlin-Marathon. Also rief ich die Lauf-Liebe-Community auf, sich bei Interesse bei mir zu melden. Eine Riesen-Flut E-Mails erreichte mich. Es war nicht ganz leicht, aber schließlich waren die 24 Kandidaten ausgewählt, die gemeinsam als Team Lauf-Liebe starten sollten. Doch wie das Schicksal so spielt: Ein Tag vor Anmeldeschluss sagte eine Läuferin ihre Teilnahme aufgrund einer Verletzung ab. Da ich den Startplatz nicht verfallen lassen wollte, beschloss ich kurzerhand meinen Freund Patrick in die Starterliste einzutragen. Erst einmal nichts Besonderes - wenn mein Freund ein Läufer gewesen wäre. 

Doch das war er nicht. Er ist ein typischer "Pumper". 80 Kilogramm reine Muskelmasse bei 1,78m Körpergröße. Wenn wir mal ab und zu gemeinsam liefen, dann höchstens ein Stunde lang. 14 Kilometer waren zu diesem Zeitpunkt die längste Strecke, die er jemals am Stück gelaufen war. Dass er jemals einen Marathon mit mir laufen, geschweige denn finishen würde, war für mich so abwegig wie Regen in der Wüste. Doch spätestens seit meinem Las Vegas Marathon hätte ich wissen müssen: beim Marathon ist alles möglich. 

Was also zunächst als Hirngespinst begann, wurde ganz allmählich konkreter. Einen Trainingsplan gab es nicht, aber folgende Long Runs absolvierte mein "Neu-Läufer":

Woche 1: 14 Kilometer
Woche 2: 21,1 Kilometer
Woche 3: 21,1 Kilometer in unter 2 Stunden
Woche 4: 30 Kilometer
Woche 5: 35 Kilometer

Und in Woche 6, genauer gesagt am 23. September 2017, war es dann soweit: Paddy und ich standen gemeinsam an der Startlinie des Berlin-Marathon. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Und Paddy vermutlich auch nicht. Doch als der Startschuss fiel, trabten wir los, bei leichtem Nieselregen und in einem gemütlichen 6:30er-Schnitt. Die Zeit war sowas von egal - ums Ankommen ging es. Um uns herum all die lieben Mit-Läufer vom Team Lauf-Liebe. Und Tausende Zuschauer, die uns anfeuerten. Das gab Kraft und Energie, sodass Paddy bald das Tempo anzog. Wir lächelten uns durch die Hauptstadt, klatschten Hände ab, umarmten Freunde an der Strecke und genossen das gemeinsame Abenteuer, bis wir mit Tränen in den Augen, aber einem fetten Grinsen im Gesicht, Hand in Hand die Ziellinie überquerten. 4:10:21h zeigte die Uhr - Paddys Marathonpremiere war gelungen und ich die stolzeste Freundin auf Erden. "Das war mein erster und letzter Marathon", stöhnte Paddy im Ziel. "Ja, klar", antwortete ich und lächelte. Und plante insgeheim unseren nächsten Lauf-Urlaub. 

An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an alle Supporter an der Strecke, an Hip Trips für die Startplätze, CEP für die tollen Kompressionssocken und an das wunderbare Team Lauf-Liebe, das sich so großartig auf der Strecke geschlagen hat. Ihr alle habt diesen Tag zu etwas ganz Besonderem gemacht. Und mir wurde wieder einmal klar: Mit der richtigen Portion Lauf-Liebe kann man(n) alles erreichen.
ATHEN 2017.
"Von Göttern, Höllenqualen und einem himmlischen Zieleinlauf."

Der Athen Marathon - die Mutter aller Marathons. Seit langem stand er auf meiner Läufer-Bucket-Liste. Die Strecke führt von Marathon bis ins Athener Panathinaiko-Stadion – der Geburtsstätte der Olympischen Spiele der Neuzeit. Jeder Läufer kennt die Legende des Botenläufers Pheidippides, der nach der Schlacht von Marathon 490 v. Chr. nach Athen lief, um die Botschaft „Nikénem - Wir haben gesiegt“ zu verkünden – und danach tot zusammenzubrechen. 

Egal, ob die Legende vom Tod des ersten Marathonläufers stimmt oder nicht – sie versinnbildlicht den Charakter der historischen Strecke. Denn während sich die ersten Kilometer entspannt durch etwas ödes Brachland und kleine Ortschaften ziehen, verlangen die „mörderischen“ Steigungen ab etwa Kilometer 20 auch dem Läufer von heute alles ab. 

Für mich waren sie die Rettung.

Doch bevor für mich um kurz nach 9 Uhr der Startschuss fiel, musste ich vom Zentrum Athens ins etwa 40 Kilometer entfernte Marathon gelangen. Hierzu waren Hunderte von Shuttle-Bussen unterwegs. Mein Gedanke bei so einer Marathon-Busfahrt ist immer derselbe: „Das soll ich alles zurücklaufen?“ Hinzu kam dieses Mal: „Das soll ich alles wieder hochlaufen?“ Denn ab dem Zeitpunkt, als wir den Großraum Athen hinter uns gelassen hatten, ging es eigentlich nur noch bergab. Und zwar ordentlich.

Im Stadion von Marathon angekommen, verging die Zeit wie im Flug. Zweites Frühstück, Kleiderabgabe, Fotosession an der Olympischen Fackel, drei Toilettengänge (ja, mei, die Aufregung) – und schon standen Pierre aus der Lauf-Liebe-Community und ich – wir hatten uns zufällig getroffen -an der Startlinie. Selbstverständlich im Lauf-Liebe-Shirt-Partnerlook.

Die Start-Zeremonie war Gänsehaut-trächtig. Der Stadion-Sprecher begrüßte die Läufer in allen Sprachen der teilnehmenden Nationen. Kurz, bevor der Startschuss fiel, hoben alle Läufer ihre Faust als Zeichen für einen fairen und freundschaftlichen Wettkampf. Dann ging es los auf die geschichtsträchtige Strecke.
Die ersten Kilometer entlang der ägäischen Küste liefen sich leichtfüßig. Die Strecke präsentierte sich unspektakulär bis langweilig, dafür ging es bergab. Die Zuschauerzahl war überschaubar, aber dafür umso herzlicher. Viele Zuschauer reichten den Läufern symbolisch Olivenzweige. 

Obwohl ich in den Fußstapfen der alten Götter und Helden lief, fühlte ich mich bald schon alles andere als heldenhaft. Eher wie im Hades: Mein Knie tat höllisch weh und die Sonne brannte immer gnadenloser vom spätherbstlichen griechischen Himmel. Hinzu kam ein Gefühl, das ich noch nie bei einem Wettkampf hatte: Ich hatte keine Lust mehr zu laufen. Ich fragte mich ernsthaft, warum ich das mir und meinem Knie immer wieder antat und wurde sehr nachdenklich – und immer langsamer. Bald schon hielt ich bei jeder Verpflegungsstation an, die übrigens vorbildlich alle 2,5 Kilometer eingerichtet waren. Wenig vorbildlich war das Ausgeben von 0,5l PET-Plastikflaschen, die nach ein paar Schlucken tausendfach im Straßengraben landeten. Da blutete mein Umweltherz schon sehr. Doch bald schon hatte ich keine Kraft mehr, mich darüber zu ärgern. Ich brauchte jedes Körnchen Energie um meinen Kopf davon zu überzeugen, nicht einfach stehenzubleiben. 

Mein Lauf glich also einem Trauerspiel. Bis, ja, bis bei etwa Kilometer 20 der Anstieg kam.

Der Punkt, an dem die meisten Läufer erste Gehpausen einlegten, wurde mein „Phönix-aus-der-Asche“-Moment. Denn beim Bergauflaufen waren meine Knieschmerzen erträglicher. Als ich merkte, dass ich mein Bein wieder stärker belasten konnte, kam mit jedem Höhenmeter der Ehrgeiz zurück. Da war sie endlich wieder, meine Wettkampfsau. Sie hatte sich dieses Mal auch lange genug hinter Wehklagen und Selbstmitleid versteckt. Endlich hatte sie wieder Blut geleckt und trug mich immer weiter, vorbei an den langsamer werdenden Mitläufern, vorbei an jubelnden Menschenmengen, vorbei an meiner Angst vor meinem ersten DNF. Immer weiter schraubte ich mich auf der Asphaltstrecke nach oben und wünschte mir insgeheim, dass der Berg nie enden würde. Doch bei Kilometer 31 und etwa 240 Metern über dem Meer war es vorbei – es ging wieder bergab. 

Das Todesurteil für mein Knie, dachte ich mir. Doch die Wettkampfsau hatte längst das Ruder ergriffen. Sie schrie mich an: „Stell dich nicht so an, du Memme. Nur noch 11 Kilometer – das läufst du sonst in der Mittagspause!“ Und mein Körper, nun vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen, folgte ihr. Ich rannte, als wäre Hades höchstpersönlich hinter mir her. Der Blick auf meine Uhr bestätigte mein Gefühl: Ich lief einen 4:41er-Schnitt. Ich konnte es kaum glauben. Vielleicht würde ich es sogar noch unter 3:45h ins Ziel schaffen – damit wäre meine Teilnahme am Chicago Marathon gesichert. Also lief ich weiter, so schnell mich meine inzwischen doch etwas müden Beine tragen konnten. Bei Kilometer 40 wäre mir fast die Puste ausgegangen, doch meine Wettkampfsau peitschte mich weiter an. „Jetzt nur nicht aufgeben, du hast es gleich geschafft.“ 

Und dann, endlich, erblickte ich es: Das majestätisch in den Himmel ragende Olympiastadion von Athen. In gleißendes Licht getaucht, wirkten die Tribünen aus weißem Marmor auf mich wie mein persönlicher Olymp. Mit letzter Kraft setzte ich zum Endspurt an, angefeuert von den Jubelrufen tausender Zuschauer, die in diesem Moment nur mich anzufeuern schienen. Irgendwo hier saß auch meine Mami, mein treuester Fan, die, das wusste ich, in diesem Moment ebenso glücklich war wie ich und vermutlich am lautesten von allen schrie. 

So strahlte ich bis über beide Ohren, als ich die Ziellinie überquerte. Und ich glaube, meine Wettkampfsau weinte sogar ein wenig vor Erschöpfung und Dankbarkeit. Denn wir hatten es geschafft: Wir hatten den Athen Marathon in 3:41:40h gefinisht. Die Tränen wichen einem zufriedenen Siegerlächeln. Ein Lächeln, das bis heute anhält.

Und die Moral von der Geschicht? Zweifeln darf man - Aufgeben nicht.
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